Warum kehre ich zur Schalplatte zurück?

„Zurückkehren“ mag ein bisschen ironisch klingen – ich bin in der CD-Ära geboren, und wir hatten zu Hause nie Schallplatten. Meine Oma hatte allerdings einen Schallplattenspieler und hat uns einmal ABBA vorgespielt. Ich war als Kind perplex und wusste gar nicht, was das für ein Ding war; meine Mutter musste mir erklären, dass man Musik früher so gespielt hat.

Um den Blog mit einem echten Beitrag zu „pushen“ – ohne „Hello World“ – schreibe ich einen kurzen Gedanken darüber, warum ich auf einmal Musik von Schallplatten hören möchte, trotz höherer Kosten und begrenzter Auswahl an Tracks.

Ich habe mit meinem Freund einen „Duo-Spotify-Account“; das ist ein Account mit zwei „Spaces“, zwei Personen können parallel zwei unterschiedliche Songs hören. Ich habe mich aus dem Account ausgeschlossen. Auf dem Handy habe ich YouTube gesperrt – sowohl im Browser als auch in der App –, bin ich nicht bei Spotify angemeldet. Auf dem PC und auf dem Arbeitscomputer habe ich auch kein Spotify.

Ich habe irgendwann mal dieses Jahr gemerkt, dass mir Musik allgegenwärtig war: beim Arbeiten (Kopfhörer), an der Bushaltestelle, beim Zähneputzen, beim Kaffeetrinken in der Bar. Was allgegenwärtig ist, hat keinen Wert mehr und wird nicht mehr wahrgenommen.

Die Musik ist kein Hintergrund für meine jetzige Aufgabe; ich will mich voll und ganz darauf konzentrieren können. Gute Musik ist eine wahre Herausforderung – sowohl für den Künstler als auch für mich als Zuhörer. Das heißt: Wenn ich Musik von den großen Plattformen höre, widme ich mich entweder bewusst etwas anderem oder ich werde von etwas anderem abgelenkt. Es ist leider schon oft passiert, dass ich den PC angeschaltet habe, um Musik zu hören, am Ende aber E-Mails beantwortet und die Musik nicht mehr wahrgenommen habe.

Wenn ich den Schallplattenspieler anschalte, setze ich mich auf die Couch und höre nur Musik. Maximal schreibe ich ein paar Notizen in mein Notizbuch und denke darüber nach, wie mein Tag war. Computer weg, Handy weg. Es ist therapeutisch. Ich höre das ganze Album – es gibt kein Skip –, und bekomme so nicht nur einen Überblick über einen Teil des Oeuvres eines Künstlers, sondern erfahre auch neue Songs, die ich sonst nach sechs Sekunden übersprungen hätte. Musik braucht Reibung. „Wie gewonnen, so zerronnen“ – wenn es zu einfach ist, wissen wir es nicht zu schätzen.

Ganz zu schweigen von dem Übel von Spotify für die Musikindustrie – ich will einen Blogpost schreiben und kein Buch. Aber kurz dazu, warum ich Spotify nicht mag: Wenn ein Song vor den ersten 30 Sekunden übersprungen wird, verdient der Künstler kein Geld für das Abspielen. Die Musiker werden somit gezwungen, kürzere Songs zu schreiben, in denen der Refrain oder der wichtigste Teil schon ganz am Anfang ist – es gibt keine Progression mehr. Und der Song bzw. der Künstler mit weniger Views wird tendenziell nicht empfohlen. Spotify weiß, welche Musikgenres und musikalische Bewegungen mich interessieren. Trotzdem habe ich nie eine gute Empfehlung bekommen, nicht mal eine einzige. Namen wie Chappell Roan oder die bekannte Sängerin T. S. werden mir nach ein paar Skips immer wieder empfohlen – selbst wenn die Musik mir offensichtlich gar nicht passt.

Was ich hier nicht unterstützen möchte, ist die Schallplatte als Konsumprodukt. Ja, wir müssen sie kaufen, das stimmt schon. Aber es sollte kein Shopping-Hobby werden. Die Musik muss gehört werden, genossen werden. YouTube benutze ich immerhin, weil ich nicht alle Platten der Welt habe – geschweige denn je alle haben kann.

Zwischen YouTube, Platten und Radio fehlt mir ein guter Musikkurator: jemand, der sich in Musik auskennt und neue Bands, Duos oder Sänger empfehlen oder eine eher detaillierte Rezension über ein Album geben kann. So wie im guten alten MTV. Ich weiß, es gibt viele Musik-YouTuber, aber ich tue mir schwer, den „richtigen“ zu finden. Wahrscheinlich will ich ab jetzt diese Rolle spielen – zumindest für die zeitgenössische Darkwave.

*Auf dem Bild: Nürnberg, Skryvaj, 2018. Young and Cold Records.

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